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19.01.2011 20:00 Neden oder der Gemütszustand einer aufgescheuchten Taube

Samstag, 19.09.2020

Lesung mit Emine Sevgi Özdamar aus ihrer Meditation
Bittere Wasser. Istanbul und die Schwarzmeerküste

Screening der Talkshow Neden vom 26. September 2006

Ich hoffe, dass die Türkei so schnell wie möglich zu einem freien Land wird, in dem jegliche Einschränkung freien Denkens und künstlerischer Tätigkeit aufgehoben werden, in dem Schriftsteller und Künstler sich nicht mehr vor Gericht verantworten und wir Talkshows wie die heutige nicht mehr bestreiten müssen.

Mit diesen Worten beschloss Can Dündar, der berühmteste Politmoderator der Türkei, im September 2006 seine Talkrunde Neden (Warum). Die Sendung widmete sich dem Paragrafen 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die »Verunglimpfung des Türkentums« unter Strafe stellt. Der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink, einer der Studiogäste, musste sich vor Gericht aus diesem Grunde verantworten. Vier Monate nach der Sendung wurde er vor dem Redaktionssitz seiner Zeitung erschossen.

Vor dem Screening dieser vielsagenden Talkshow liest die Dichterin Emine Sevgi Özdamar aus ihrer Meditation Bittere Wasser. Istanbul und die Schwarzmeerküste, die sie für die Anthologie Odessa Transfer. Nachrichten vom Schwarzen Meer verfasste. Der Tod des Hrant Dink wird zum Refrain eines Klageliedes, deren Strophen den vertriebenen Pontos-Griechen und Anderen gewidmet sind, das schwarze Meer spricht an gegen die Mörder.

2007 wird wohl ein noch schwierigeres Jahr für mich. Die Anklagen werden weitergehen, neue Verurteilungen werden kommen. Wer weiß, mit welchen Ungerechtigkeiten ich noch konfrontiert sein werde? Es kann sein, dass ich in diesem Gemütszustand schreckhaft bin wie eine Taube, aber in diesem Land würde niemand einer Taube eine Feder krümmen. Tauben verbringen ihr Leben inmitten der Städte zwischen Menschenmassen. Ein wenig scheu, aber mindestens ebenso so frei. (Hrant Dink, 19.1.2007)

Türkisch mit deutscher Simultanübersetzung.

Mit einer Einführung von Oliver Kontny und Tunçay Kulaoğlu.

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